Wolfgang Sartorius: "Ein Gebot der Menschlichkeit, mit Flüchtlingen respektvoll umzugehen."

© Edgar Layher

02.01.2020 in Pressemitteilungen

Mitgefühl ist zentraler Bestandteil der Humanität

Wolfgang Sartorius, Vorstand der Erlacher Höhe, appelliert an alle, die Augen vor der aktuellen Flüchtlingskatastrophe nicht zu verschließen.

Großerlach. Dieses Jahr bekam ich von einer Freundin ein Buch geschenkt, das mich sehr zum Nachdenken gebracht hat: „Flucht übers Meer“ heißt es. Geschrieben hat es Erik Lindner, ein Historiker. Sein Buch beginnt Lindner in der griechischen Mythologie: mit der Geschichte von Aeneas, der aus Troja flüchtet und es nach gefahrvoller Irrfahrt schafft, im Westen ein neues Leben zu beginnen. Das ist die wohl erste literarisch überlieferte Flucht von Ost nach West übers Mittelmeer; sie steht am Anfang der Geschichte Europas.

Zum Gastbeitrag in der Backnanger Kreiszeitung

Die Frage, wann Geflüchtete willkommen waren und wann nicht, beantwortet ein Blick in die Geschichte. Mitte der Nullerjahre war die Flucht auf die Kanaren in den Schlagzeilen. Menschen, die von der afrikanischen Westküste aus mit Fischerbooten hunderte Seemeilen Fahrt auf sich nahmen. Viele von ihnen ertranken im Atlantik. Dramen, die sich heute tagtäglich im Mittelmeer wiederholen. „Das Sterben im Mittelmeer ist eine permanente Katastrophe. Zweieinhalbtausend Menschen starben im Jahr 2018 bei dem Versuch, Europas Küsten zu erreichen. Jeden Tag, so sagt es das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, sterben vier Menschen auf der Flucht übers Mittelmeer. An solche Zahlen darf man sich nicht gewöhnen“ schreibt der Journalist Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung.

In seinem Buch wählt Lindner die Perspektive auf verschiedene Regionen und Zeiten, in denen Menschen geflüchtet sind. Da fallen Gemeinsamkeiten auf: Willkommen waren beispielsweise die 'Boat People' aus Vietnam. Willkommen waren auch die DDR-Flüchtlinge, die zum Teil über die Ostsee nach Schleswig-Holstein oder Dänemark zu gelangen versuchten. Ebenso galt dies für Florida, dort hieß Lyndon B. Johnson im Zuge der „Open Door Policy“ kubanische Flüchtlinge generell willkommen. Grund war der Ost-West-Konflikt: Wer vor den Kommunisten aus Kuba flüchtete oder aus der DDR oder aus Vietnam, der zeigte damit, dass der Westen im Wettstreit der Ideologien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überlegen war. Wer aus der (sozialistischen) Unfreiheit in die (kapitalistische) Freiheit gelangte, war willkommen.

Lindner macht es sich als Historiker zur Aufgabe, den Blick der Leser/innen zu schärfen, indem er Sachinformationen mit der Schilderung von Einzelschicksalen verbindet. Wir sollen verstehen, dass die Fluchtmotive seit Jahrtausenden dieselben sind: Menschen fliehen vor Krieg, Not, Hunger, Katastrophen, vor religiöser Unterdrückung, vor Diktatur und Unfreiheit. Nöte, die es noch heute gibt und die es schon vor tausend Jahren gab. Da ist das Phänomen Hunger: Im Jahr 2019 leiden weltweit 820 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung. Für viele von ihnen ist Flucht der einzige Ausweg, wenn Dürren, Überschwemmungen oder andere Folgen des Klimawandels hinzukommen (Brot für die Welt).

Lindner erinnert auch an jene calvinistischen Puritaner, die im frühen 17. Jahrhundert aus England wegwollten. Sie bestiegen in Southampton zwei Schiffe, eines der Schiffe musste schon nach wenigen hundert Seemeilen mussten sie aufgrund eines Lecks der „Speedwell“ umkehren. Daraufhin fuhr die „Mayflower“ alleine bis an die Nordküste Amerikas. Dort gründeten die Geflüchteten die Neu-England-Staaten. Diese „Pilgrim Fathers“ waren nichts anderes als Glaubensflüchtlinge aus Europa zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Krieg, Glaubensunterdrückung, religiös oder ethnisch bedingte Verfolgung: All diese Motive finden sich auch in unserer Zeit.

Da sind etwa jene Deutschen, die 1945 vor der Roten Armee aus Ostpreußen über die Ostsee flüchten: Etwa eine Million Menschen gelangte in Sicherheit, viele kamen dabei um. Bei den Flüchtlingen aus Nazideutschland verhielten sich die potenziellen Aufnahmeländer sehr verschieden – einige Prominente waren willkommen, viele andere nicht. Die Zurückweisung von über 900 jüdischen, aus Nazideutschland entkommenen Flüchtlingen auf der „St. Louis“ in den USA im Jahr 1939 gehört zu den dunklen Kapiteln der US-Geschichte. Es gab und gibt offensichtlich zu allen Zeiten Unterschiede, wer wo willkommen ist.

Welche Möglichkeit bleibt den Menschen in Syrien im Jahr 2019 außer der Flucht, wenn zwei cholerische, alte Männer namens Trump und Erdogan mit deren Leben in zynischer Weise spielen, sie dem mörderischen, sogenannten Islamischen Staat überlassen? Innerhalb einer Woche waren 200.000 Geflüchtete mehr auf der Welt – das ist unglaublich, menschenverachtend, zutiefst unchristlich und zutiefst unmuslimisch. Gott sei es geklagt! Ein wiederkehrendes Muster sieht Lindner in der Hunger-Flucht: Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Irland aufgrund von jahrelangen Missernten eine große Hungersnot, fast jeder achte Ire starb damals. Eine Million verließ ihre Heimat, die meisten flüchteten in die USA, nach Kanada oder Australien. Auch als die Katastrophe vorbei war, hörte der Exodus nicht auf. Bis 1911 verlor Irland fast die Hälfte seiner Bevölkerung durch Migration; für Irland eine Katastrophe, für die Aufnahmeländer oftmals ein Gewinn.

Unter den irischen Hunger-Flüchtlingen – im Deutschen würden manche sie als Wirtschaftsflüchtlinge diffamieren - war auch der Urgroßvater des US-Präsidenten John F. Kennedy. So wurde der Vater des früheren US-Präsidenten Barack Obama in Kenia geboren; es steht außer Frage, dass durch Migration immer wieder hervorragende Persönlichkeiten in anderen als ihren Herkunftsländern Großes geleistet haben. Es ist wichtig, all die Gelingensgeschichten nicht zu vergessen, die untrennbar mit dem Thema Migration verbunden sind: Und das sind viele Tausende, keineswegs nur berühmte Persönlichkeiten. So denke ich beispielsweise an den syrischen Arzt, einen Neurochirurgen, der 2015 aus der zerbombten Stadt Homs zur Erlacher Höhe kam, nach einem sehr bürokratischen Anerkennungsverfahren seine Approbation erhielt und inzwischen an einer Uniklinik schwerkranke Menschen operiert. Ich denke an eine Reihe anderer junge Männer, die aktuell Ausbildungen in Mangelberufen absolvieren, als Bäcker frühmorgens unsere Brötchen backen oder Altenpfleger/innen werden. Flucht kann durchaus vorteilhaft sein für Gastländer, die Geflüchtete freundlich und respektvoll aufnehmen und ihnen Perspektiven bieten, so wie das auch in Deutschland vielerorts geschieht.

Lindner blendet in seinem Buch in Bezug auf aktuelle Fluchtbewegungen nicht aus, dass unter den Geflüchteten vereinzelt gewaltbereite Extremisten und Straftäter sind. Das beeinflusst die politische Debatte in den Aufnahmeländern. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die allermeisten der seit 2015 in Europa Aufgenommenen gesetzeskonform verhalten.

Obwohl meine Vorfahren wohl seit der Reformation im Neckartal wohnen, hat das Thema Flucht auch mit meiner Familiengeschichte zu tun: Nach dem ersten Weltkrieg waren die ökonomischen Verhältnisse auch hier in Württemberg so schlecht und die Arbeitslosigkeit so hoffnungslos, dass die Schwester meines Großvaters und ihr Mann ihren wenigen Besitz verkauften und sich in Bremerhaven auf die mühsame Reise in ein neues Leben machten. Selbstverständlich bezeichnete sie in unserem Sprachgebrauch – damals wie heute - niemand als (Wirtschafts-)Flüchtlinge, obwohl sie eindeutig aus wirtschaftlichen Gründen geflüchtet waren! Nein, der gewählte Begriff lautet bis heute „Auswanderer“ und intendiert andere Motive. Über New York und Buenos Aires emigrierten sie schließlich an den Rio de la Plata in Argentinien. Dort wurde ihnen vom Staat ein Stück Urwald zur Verfügung gestellt, das sie urbar machten. Nach beschwerlichen Jahren kamen sie schließlich zu bescheidenem Wohlstand. Davon konnte ich mir bei einem Besuch in den 1980er Jahren ein Bild machen. Deutlich zu spüren war aber auch die Herablassung, mit der sie als Community der Migranten der indigenen Ureinwohnerschaft begegneten. Auch solche Haltungen finden sich noch 65 Jahre nach der Migration oder Generationen später.

Vier Erkenntnisse habe ich gewonnen: Erstens, dass es ein Gebot der Menschlichkeit ist, mit Geflüchteten respektvoll umzugehen, weil jeder Mensch einmalig ist, seine Geschichte hat und Respekt verdient; darin liegen immer auch Chancen für das Gastland. Zweitens, dass das Thema Flucht so etwas wie eine universale Dimension hat, vielleicht sogar eine Konstante bleibt, solange Menschen auf der Erde leben. Aktuell wirken Klimawandel und steigende Meeresspiegel als Fluchtbeschleuniger. Auch wir im vermeintlich sicheren Mitteleuropa können nicht sicher sein, ob unsere Enkel oder Urenkel hier auf ewig Perspektiven finden oder ob sie sich irgendwann auch auf die Flucht begeben müssen.

Drittens, dass das Ankommen wohl ähnlich schwierig ist wie das Aufbrechen, wenn vermeintlich kulturelle Unterschiede aufeinandertreffen – und dass Heimischwerden Zeit braucht.

Viertens, tut jedes Aufnahmeland gut daran, im Hinblick auf Sprachvermittlung und Spracherwerb erhebliche Integrationsbemühungen zu unternehmen. Um beispielsweise die Rechtsordnung und Kultur eines fremden Landes zu verstehen, führt meines Erachtens kein Weg am ausreichenden Verstehen der Landessprache vorbei.
Der Kolumnist Heribert Prantl konstatiert in der Süddeutschen Zeitung vom 18. März 2018: „Das Fluchtproblem ist (…) das Problem des 21. Jahrhunderts. Man wird das 21. Jahrhundert einmal daran messen, wie es mit den Flüchtlingen umgegangen ist. Man wird es daran messen, welche Anstrengungen unternommen wurden, um entheimateten Menschen wieder eine Heimat zugeben. Man wird es daran messen, welche Anstrengungen unternommen wurden, um Menschen in höchster Not, um Menschen in allerhöchster Lebensgefahr, um Flüchtlinge aus dem Meer vor dem Ertrinken zu retten. Dann werden es kleine Vereine wie "Sea Watch" sein, die für die großen humanitären Traditionen Europas stehen; sie werden es sein, die das gute Europa repräsentieren.“

Lindner schließt sein Buch mit der Feststellung: „Mitgefühl und Empathie bedeuten auch Belastung, aber sie sind zentrale Bestandteile der Humanität. Sie wiederum trägt dazu bei, das Chaos der Flucht zu überwinden und Zuflucht zu bieten. Im Idealfall wird Zuflucht durch das humanitäre Engagement des Einzelnen in Verbindung mit kompetent-rationalem Handeln der Verantwortlichen ermöglicht. Hiervon hängt das Weiterleben der Geflüchteten in Würde ab. Um nichts Geringeres geht es in unserer Gegenwart – vor dem Spiegel der Geschichte – bei der Flucht übers Meer.“

In dieser Situation finde ich einen Rat bedenkenswert, den die Bibel in einer ihrer ältesten Schriften gibt: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst [...]“ (3. Mose 33). Ich lerne daraus: Weil Migration schon in biblischen Zeiten Realität war, sich als Konstante durch die Jahrhunderte zieht und sich die gegenwärtigen Verhältnisse von einem Tag auf den anderen umdrehen können, ist es ein kluger Rat, keinen Menschen zu bedrücken und allen die gleichen Lebenschancen zu geben. Wie friedvoll wäre die Welt, wenn wir Menschen uns daran hielten? Am Ende gäbe es vielleicht manche Gründe für Flucht und Vertreibung gar nicht mehr.

Gez. Wolfgang Sartorius

Literaturtipp:

Erik Lindner: Flucht übers Meer/Flight across the Sea. Von Troja bis Lampedusa. 2019: Mittler.

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